Geburtsreise Mädchen - 12.12.2019

Diese Geburtsgeschichte beginnt an einem Dienstag. Es ist der 10.12.2019. An einem kühlen, aber sonnigen, freundlichen Tag. Wir sind nachmittags im Geburtshaus zu einer Vorsorgeuntersuchung. Es gibt noch keine Anzeichen für eine bevorstehende Geburt. Ich bin jetzt acht Tage über dem errechneten Geburtstermin. Deshalb erhalte ich Tipps, was ich tun kann, um die Geburt etwas anzustoßen. Wir gehen in die Apotheke, um Senfmehl zu kaufen für ein wehenförderndes Fußbad. Das gibt es dort nicht und wie wir später sehen werden, brauchten wir das auch gar nicht.

 

Wir entscheiden uns einen schönen Nachmittag zu zweit zu verbringen und spazieren zum Café "Im Glück". Wir lassen es uns gut gehen mit Kaffee und Kuchen. Ich esse einen sehr leckeren schwedischen Apfelkuchen.  Anschließend verbringen wir zuhause einen ruhigen Abend. 

Als ich abends ins Bett gehe, denke ich noch: Komisch, mein Bauchgefühl war eigentlich, dass unsere Tochter am 9.12. oder am 12.12. zur Welt kommt…

Nachts um kurz nach elf wache ich dann auf: Das Bett ist nass. Die Fruchtblase ist geplatzt. Ich bin sofort hellwach und voller Vorfreude!

Ich rufe im Geburtshaus an. Wir sollen vorbeikommen. Außerdem informiere ich meine Mutter, denn sie wird mich während der Geburt begleiten. Gleichzeitig ruft mein Mann seine Mutter an. Das irritiert mich etwas - er scheint aufgeregt zu sein.

Ich gehe noch duschen und wir ziehen uns an. Im Geburtshaus stellt sich heraus, dass noch keine Wehen erkennbar sind. Die Hebammen geben mir Quarzpulver, dass ich alle zwei Stunden nehmen soll, um die Wehen anzuregen. Außerdem empfehlen sie mir zu schlafen. 

Zuhause lege ich mich ins Bett und versuche mich auszuruhen, bin allerdings zu aufgeregt. Ich wünsche mir, dass die Wehen einsetzen. 

Wir fahren alle vier Stunden ins Geburtshaus. Aber den ganzen Morgen und Tag bleibt alles ruhig. Schließlich entscheide ich mich dazu den wehenfördernden Rizinuscocktail zu trinken.

Wieder zuhause, ist meine Mutter nun auch da. Sie kocht Kartoffelsuppe und wir essen etwas. 

Meine Schwiegermutter ist in der Zwischenzeit auch in der Stadt und mein Mann trifft sie zum Essen – mehr Besuch bei uns möchte ich nämlich nicht. Außerdem war das überhaupt nicht geplant, dass meine Schwiegermutter, die in der Nähe von Berlin wohnt, da sein würde. 

 

Plötzlich setzen Wehen ein, ganz schön heftige Wehen und mein Darm spielt verrückt.

Draußen ist es grau und eisig kalt geworden. Es fällt der allererste Schnee des Jahres. Unsere Tochter wird also ein echtes Winterkind!

Weil die Wehen stärker werden, geht es wieder ins Geburtshaus. Eigentlich wollten wir ein Taxi nehmen. Mein Mann möchte aber unbedingt, dass meine Schwiegermutter uns fährt, weil es mittlerweile stark schneit und die Straßen glatt sind. Ich fühle mich dabei unwohl, lasse es aber zu, weil ich keinen Kopf dafür habe mich durchzusetzen.

Im Geburtshaus wird festgestellt, dass der Muttermund erst zwei Zentimeter geöffnet ist. Ich bin traurig und enttäuscht, weil ich dachte, dass wir schon weiter wären. 

Weil die Fruchtblase schon vor 22 Stunden geplatzt ist, müssen wir ins Krankenhaus verlegt werden. Um eine Infektion zu vermeiden, brauche ich ein Antibiotikum. Das tut mir so leid. Ich habe mir von Herzen gewünscht, dass wir das gemütliche Geburtshaus als unseren gemeinsamen Geburtsort erleben dürfen. 

Wir wollen jetzt in das einzige Krankenhaus, das wir uns vorher angeschaut haben. Unsere Hebamme meldet uns telefonisch an. Dort angekommen sollen wir zunächst warten. Die Wehen, die ich hatte, sind schon wieder weg. Wir warten solange, bis uns schließlich gesagt wird, dass der Kreißsaal geschlossen wurde. Wir werden weggeschickt. Wie kann das nur sein? Wir haben doch sogar vorher angerufen? Die Enttäuschung bei allen ist riesengroß. Mir geht es damit schlecht. Ich muss an die Weihnachtsgeschichte denken und daran, dass Maria und Josef überall abgewiesen werden, sodass Jesus in einer Scheune geboren wird. Mein Plan A das Geburtshaus hat nicht funktioniert, der Plan B hat nicht funktioniert und jetzt habe ich einfach nur Angst, bin enttäuscht, traurig und habe keine Ahnung, was mich noch erwartet…

Wir rufen wieder unsere Hebamme im Geburtshaus an und sie meldet uns im Heilig Geist Krankenhaus an. Also alle wieder ins Auto. Dort finden wir die Einfahrt nicht. Beim zweiten Versuch klappt es zum Glück.  

Im Aufzug zur Geburtsstation kulllern bei mir die Tränen - so stressig hatte ich mir das alles nicht vorgestellt!

Maria, die Hebamme dort empfängt uns. Wie passend, dass sie Maria heißt…

Sie hört sich erst einmal unsere Geschichte an. 

Dann werde ich untersucht und es wird ein CTG geschrieben. Die Wehen kommen wieder, außerdem Durchfall und ich muss quer über die Station zur Toilette laufen. Im Wartebereich sitzt meine Schwiegermutter, an der ich auch vorbei muss. Eine extrem unangenehme Situation für mich. Die ganze Zeit denke ich: Warum ist sie überhaupt noch da? Warum fährt sie nicht einfach wieder?

Mein Mann organisiert ein Einzelzimmer für uns. Dort haben wir unsere Ruhe.

Eine sehr nette Ärztin legt mir einen Zugang und gibt mir das Antibiotikum. Ich hatte ursprünglich sehr gehofft, keinen Zugang zu bekommen, offenbar vergeblich. Die Ärztin lenkt mich ab und fragt, wo unser letzter Urlaub war. Das war in Kanada im Frühjahr und unsere Tochter war als kleiner blinder Passagier in meinem Bauch schon mit dabei.

Die Wehen kommen wieder und zu allem Überfluss muss ich mich übergeben. Mein Mann hält mir eine Schüssel vors Gesicht. Dann wird es ihm zu viel und er setzt sich zu seiner Mutter nach draußen. Dass er nicht die ganze Zeit dabei sein würde, hatten wir vorher besprochen. Deshalb hatte ich meine Mutter quasi als meine Doula dabei.

Meine Mutter hilft mir durch die Wehen. Nach zwei Stunden ist der Muttermund immer noch nicht wesentlich weiter geöffnet. Ich bin wirklich frustriert. Mein Kopfkino spielt verrückt und ich habe die Befürchtung, dass es gar nicht mehr weitergeht, dass ich mich nicht öffnen kann und am Ende einen Kaiserschnitt brauche…

Ich stimme zu, dass ein Prostaglandingel aufgetragen wird, um Wehen anzuregen. Leider muss ich im Kreißsaal liegen und am CTG bleiben. Dabei hätte ich mich lieber bewegt, am liebsten sogar getanzt, aber das kann ich gerade wirklich nicht. Die Wehen werden stärker. Als ich einen Moment im Kreißsaal allein bin, wird mir eine PDA angeboten. Ich habe starke Schmerzen, aber eine PDA will ich definitiv nicht. In mir wird der Ehrgeiz geweckt, den Rest jetzt noch so zu schaffen. 

Nach 45 Minuten sollte ich erneut untersucht werden und danach sollte ich mich eigentlich ausruhen. Dieser Plan geht nicht auf: Als Maria wieder reinkommt, ist sie selbst überrascht, denn der Muttermund ist offen. Ich bin etwas ungläubig und frage meine Mutter, ob die Kleine jetzt wirklich kommt? Ja, sie kommt. Eigentlich hätte ich gerne noch die Position gewechselt, da ich immer noch liege, versuche es auch, schaffe es aber nicht. Die Presswehen fühlen sich ganz anders an und kosten Kraft. Die Hebamme und meine Mutter atmen mit mir. Das Köpfchen ist schon zu sehen. Gefühlte drei Wehen später ist sie da. Es ist inzwischen Donnerstag, der 12.12.2019 um 04.49 Uhr. Was für ein tolles Geburtsdatum! Mit diesem schnellen Finale hat die Kleine uns alle überrascht. Ich halte sie im Arm. Ich erinnere mich nicht mehr an alles. Ich glaube, weil ich den Moment genossen habe, sie zu halten, sie zu sehen und zu spüren. Endlich ist sie da! Was ich noch weiß, ist, dass ich mir die Nachgeburt angeschaut und dass ich selbst die Nabelschnur durchgeschnitten habe. Später kommt ihr Papa in den Kreißsaal. Wir sind beide sofort verliebt in unsere zuckersüße Tochter!

 

Für die Geburt hatte ich mir gewünscht, dass unser Kind sanft in unsere Hände geboren werden würde und ich hatte ein Gefühl, dass sie in einem kleinen, geschützten Kreis von Frauen zur Welt kommen würde. Doch es kam völlig anders:  Das Krankenhaus, die Anwesenheit meiner Schwiegermutter, das Antibiotikum, die Einleitung… Vor all dem (sofern ich das alles vorher hätte erahnen können) hatte ich Angst. Und ich bin durch diese Angst gegangen und habe meine Tochter auf natürlichem Weg zur Welt gebracht. Nach 30 Stunden. Ohne Dammschnitt oder Dammriss. Aus eigener Kraft. 

 

Im Rückblick kann ich sagen: Unsere Tochter hat ihren eigenen, ganz besonderen Geburtsort gewählt. Es ist wie ein wundervoller Kreislauf: Sie wurde in einem Kreis von starken Frauen geboren, dort, wo auch meine Mutter mir das Leben geschenkt hat, zur Weihnachtszeit, im Hospital zum Heiligen Geist.